Feinstoffliche Organe – DIE LATAİF

 

Lataif ist der arabische Plural von Latife (arab. fein, wohl, zart) und bezeichnet im Sufismus immaterielle Fähigkeiten, die zum Begreifen und Beobachten der göttlichen Wirklichkeit des Menschen dienen.

Was sind die Lataif?

Die Seele bedeckt von oben nach unten den physischen Körper. Sie hat einige immaterielle Organe. Diese befinden sich an bestimmten Stellen des physischen Körpers. Diese Stellen sind fest.  Diese Stellen werden Lataif-Punkte genannt. D.h. die Lataif stellen die immateriellen Organe der Seele dar.

Im Sufismus werden folgende Lataif-Punkte unterschieden:  

Kalp, Ruh, Sır, Hafi, Ahfa.

Zudem gibt es zwischen den beiden Augenbrauen das Nafs und auf der Oberseite des Kopfes das Lataif-i Kull.

  1. Das Kalp befindet sich vier Finger breit unter der linken Brust. Es ist das Areal des göttlichen Friedens und der göttlichen Offenbarung.
  2. Das Ruh unterscheidet sich von dem Ruh, das wir aus der arabischen Terminologie kennen. Das Ruh ist ein feinstoffliches Organ der Seele. Es ist nicht die Seele selbst. Alle Lataif bilden zusammen die Seele auf feinstofflicher Ebene, die wir in ihrer allgemeinen Bedeutung kennen. Das Ruh befindet sich vier Finger breit unter der rechten Brust. Hier fungiert das Ruh als Zentrum für göttliche Liebe und die Liebe selbst. Es ist ein feinstoffliches Organ und gehört somit zu den Lataif. Es ist auch das Areal der liebevollen Gotteserfahrung und Zuneigung.
  3. Das Sır befindet sich zwei Finger breit über der linken Brust und ist das Zentrum der göttlichen Einheit. Es ist zugleich das Areal der Gotteserkenntnis.
  4. Das Hafi befindet sich zwei Finger breit über der rechten Brust und ist das Zentrum von Göttlichem Fluss. Es ist der Ort der Auflösung in göttlicher Manifestation und Licht. Dies wird „istiğrak“ genannt.
  5. Das Ahfa befindet sich zwei Finger breit unter dem Loch in der Kehle und ist das Zentrum göttlicher Einsicht (Verschwinden, Auflösung). Es ist zugleich der Ort des göttlichen Geheimnisses. Es ist das Zentrum des verborgenen Wissens und göttlicher Manifestationen. Das hier gewonnene Phänomen wird „izmihlal“ genannt.
  6. Das Lataif Nefs befindet sich in der Mitte von den zwei Augenbrauen.
  7. Letaif-i Küll (Ganzer Körper) bildet das Gesamte aller einzelnen Lataif. Dieses Zentrum liegt auf der obersten Ebene, bzw. auf dem Kopf.

Das Zentrum aller Lataif ist das Herz. Das Herz gilt als der Palast der Seele. Wenn das ungzähmte Nafs (Ego) in seiner Eigenschaft, immer nur Übles zu fordern, das Herz gänzlich unter Seine Herrschaft zieht, kommen aus dem Herzen keine Wohltaten für Gott hervor. Folglich wird die Seele auch abhängig von den Wünschen des Nafs (Ego), wodurch Herz und Seele von ihrer ursprünglichen Pflicht abgelenkt werden und schließlich wie verstorbene in Unachtsamkeit schlummern. Dies führt zur gänzlichen Verblendung des Herzens und zu seiner Trübung durch Sünden.

Im Körper gibt es auch an weiteren Stellen Lataif-Punkte, wie zum Beispiel in der inneren Handfläche. Auch die innere Handfläche ist ein Lataif-Punkt. Wenn beim Beten die Hände geöffnet werden, nehmen die Handflächen den Gnade- und Segensfluss des Himmels als angenehme Schwere wahr. Wenn man die Hände an schmerzende, geschwollene, kranke Organe hält, fühlen diese eine erhöhte Temperatur und die entsprechenden Stellen fangen an zu brennen. Es befinden sich noch weitere ähnliche Lataif-Punkte. Aber die meisten von diesen Punkten sind aufgrund von zu hoher Weltlichkeit und der seelischen Last von Sünden nicht mehr funktionsfähig.

Schließlich hört der spirituelle Fortschritt auf, wenn die Lataif nicht mehr funktionieren. Denn der Geist steigt nur mittels funktionierender Lataif-Punkte zur Dimension des Amr (Befehls) auf, wonach der Reifeprozess des Menschen vervollständigt wird.

Die grundlegenden Funktionen der Lataif kennen wir nicht im vollen Maße. Es steht jedoch fest, dass alle spirituellen Prozesse mittels dieser stattfinden, da die Lataif die zu den Grundorganen der Seele gehören. Im Koran gibt es nur wenige Überlieferung zur menschlichen Seele (siehe Sure 85). Dennoch geht man davon aus, dass alle Lataif-Punkte als spirituelle Organe der Seele eine differenzierte Funktion beherbergen.

 

Das menschliche EGO wird im Volksmund auch „Angewohnheit oder Wesensart“ genannt. Dazu gibt es viele Sprichwörter: „Die Wesensart befindet sich unter der Seele; Die Seele bricht auf und geht, aber die Wesensart bleibt; Kein Wesen trennt sich von seiner Art; Die Wesensart eines Menschen mit sieben ist dieselbe mit 70“.  All dies hat einen Wahrheitsgehalt, der sich allerdings lediglich auf ein ungezähmtes EGO bezieht.

Wunder

Selbstverständlich werden Wunder nur von Allah kreiert. Jedoch kreiert Allah alles nur nach einem bestimmten göttlichen Prinzip, die Sunnah Allahs. Als Sunnetullah Sunnetullah werden die göttlichen Gesetze bezeichnet.

Wunder entstehen nach der Vervollkommnung der Seelen von spirituellen Meistern. Dementsprechend spielen die Lataif eine wesentliche Rolle bei der Entstehung von Wundern.

Da die Seele ein göttlicher Atemzug ist, entstehen mittels der Lataif und der Erlaubnis und Genehmigung Allahs Wunder. Die Wunder sind verborgen in den latenten Lataif.

Wenn die Lataif zur Dimension des Lahut (der Unendlichkeit) aufsteigen und Allahs Eigenschaften und die Schatten seiner schönsten Namen erreichen, erlangen sie die Kraft, die sie benötigen, um Wunder zu bewirken.

Um festzustellen, was sich in den Herzen verbirgt, um zu wissen, in welchen Zustand sich Verstorbene befinden, um Kranke zu heilen, um über dem Wasser laufen zu können, um sich gleichzeitig an vielen Orten befinden zu können, erfordert es den Aufstieg der Seele zur Dimension des Lahut sowie zu den Eigenschaften und schönsten Namen Allahs. All diese bekannten Wunder entstehen somit mittels der Lataif.

Copyright © 2017 - höheres-bewusstsein.de | All rights reserved | designed by inkays media